Hinterland by Zaimoglu Feridun

Hinterland by Zaimoglu Feridun

Author:Zaimoglu, Feridun
Language: deu
Format: epub
Tags: General Fiction
Publisher: eBook by Kiepenheuer&Witsch
Published: 2009-06-10T16:00:00+00:00


Blutfest in den Innenstädten, Townships für Topverdiener: Wir ziehen nicht ab, wir vergelten es ihnen mit gleicher Münze, wir sehen uns im Mauerpark und auf der Straße! Der beidseitig bedruckte Handzettel war an den Rändern mit Totenköpfen versehen, auf der Rückseite ordneten sich Tintenkleckse zu Konturen eines großen weißen Sterns, in dessen Mitte eine schwarzbehandschuhte Hand eingelassen war. Wer auch immer dieses Flugblatt entworfen hatte, wußte um das Unvermeidliche – die einen werden verdrängt, die anderen rücken nach, und sie haben das Geld, die verwohnten Höhlen auszumisten, in diesen Räumen wurde früher über das Grundrecht debattiert, schlampig sein zu dürfen, denn wurden nicht überall die alten Obdachlosen von jungen Hauptschülern angegriffen, denn wurde nicht überall, im Elternhaus, in der Schule und in anderen Erziehungsanstalten, Sauberkeit gelehrt: So wie man Saatgut in Reihen säte, so erzog man die Kleinen zu Knilchen, und wer herausbrach, tat dies mit einer neu erwachten Liebe zu Fett, Schmutz und Unrat. Über die vermögenden Anwohner ließ sich vieles sagen, aber es war so falsch nicht, die Widerstandslosungen zu übertünchen, man zieht doch nicht in ein Heim ein, um sich zu verstecken.

Lärm und Lüsternheit. Mein Meister fluchte oft über die Liederlichen, die Bürgerwohnungen bezogen, sie quetschten ihre Füße in schwarze Soldatenstiefel, weil die Mode es vorgab. Und weil sie in die Hocke gingen, um kleine fremde Hunde zu streicheln, riß die Sohle in der Mitte. Es machte ihnen nichts aus, sie liefen auf gespaltenen Sohlen und zogen sich eine Gehbehinderung zu, der Knilch wird zum Krüppel, rief mein Meister aus, der Krüppel bringt mir seine zerlatschten Nahkampftreter, der Geruch des Leders steigt mir in die Nase und trocknet die Schleimhäute aus … Er hatte mir freigegeben. Er hatte in den Hörer geschrien, daß mir jedes Talent fehlte, ordentliche Schuhe zu machen, in den kommenden Wochen sollte ich ihn in Ruhe lassen, er dulde keinen Narren in seiner Umgebung, ich möge doch bitte schön mein Glück bei der Feuerwehr versuchen.

Alle Notzufahrten sind mir verschlossen, dachte ich, und jetzt muß ich also in Berlin, wieder einmal in Berlin, eine Frau umstimmen. Ein glimmendes Scheit ins Dunkel halten. Hoffen, daß der Dunst, der schwarze Dunst vor meinen Augen, verflog. Es gab die Zeit, da mein Meister Pastetenrinden für Brot aß, die Not lehrte Künste, und seither glaubte er an die Macht der Rute, wenn die Rute ausgedient hat, muß sie in den Ofen, sagte er, und was sollte ich Aneschka sagen, sollte ich mich ihr zeigen, als wäre ich in neuen Künsten geschult, als hätten mir die Schläge den unsauberen Geist ausgetrieben, als wäre ich ein Verwandelter, der einen Zehentrenner von einem modischen Plastikkamm unterscheiden konnte. Ich starrte auf das Flugblatt und verstand: Die Widerständler hatten in geschälte halbe Kartoffeln die Umrißform einer Faust geschnitzt und sie ausgehöhlt, um mit dem Kartoffelstempel auf hundert fünfhundert tausend Handzettel das Bildzeichen ihrer Bewegung zu drucken. Es wurde Zeit, Aneschka zu treffen, die Bahnsteige in der Tiefetage des Berliner Hauptbahnhofs waren voller Wochenendbesucher, ich sah eine Handvoll Süddeutscher am Fahrplanglaskasten, und weil die



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